TROTTEL
Machen wir uns nichts vor. Die meisten Männer sind Trottel. Zumindestens werden sie Trottel. Vielleicht aber auch wurden sie nur früher regelmäßig Trottel, aber auch für meine Generation habe ich nur bedingt Hoffnung. Kürzlich erst saß ich in der S-Bahn einem älteren Paar gegenüber. Vom Hauptbahnhof bis zur Station Konstablerwache - das sind gerade mal drei Stopps - brabbelte er vor sich hin. Über die Abfahrtszeiten, die Wärme, die Kälte, die Leute, die im Fernsehen, der Koch und die Wahlen. Kurz vor meinem Ausstieg, gerade als sich der enge S-Bahn-Tunnel zu der langgezogenen Station öffnete, war ich bereit ihn zu massakrieren. Mir war vollkommen unklar, wie die Frau an seiner Seite es nur einen Tag länger mit ihm aushalten konnte. Ich erwartete, dass sie ihn spätestens an der Ostendstraße vor den nächsten Zug schubsen müsste.
Dann schaute ich mir die Frau an und dachte nach. Während er den rustikalen Rentner mit metabolischem Syndrom gab, mimte sie die rüstige Rentnerdame mit unzureichend Patte für die wirklich glamoröse Erscheinung. Leicht von ihm weggedreht aber immer noch mit Körperkontakt, die aufgrund seiner Fülle ohnehin schwer vermeidbar war, saß sie da und schwieg. Sie schaute ein wenig pikiert drein, aber diese Mimik schien sich schon in ihre Falten eingebrannt zu haben. Eine enge Beziehung zu ihrem mäkelnden Mann mit all seinen Aufregertiraden schien nicht zu bestehen.
Da wurde mir klar: Sie will ihn so. Oder wenigstens wollte sie ihn so. Sie hat ihn dazu gemacht und er hat sich dazu gemacht und machen lassen. Ich bin sicher, er hat nicht mal seinen Anorak ohne ihre Beratung gekauft. Sie wird ihm die Unterbundhosen ausgesucht haben und ihm sagen, wann er das nächste Mal zum Urologen muss. Vielleicht wird sie sogar mit ihn den Besprechungsraum gehen und dem Arzt die Schmerzen des Mannes beim Harnlassen plastisch zu erklären versuchen. Sie kocht für ihn die sonntägliche Schweinshaxe, sie bügelt seine immensen Hemden und wischt bei der Sportschau um ihn herum. Sie wird das für ihr gottgegebenes Leid halten, aber eigentlich ist sie selbst dran schuld. Denn ihr Mann ist auf ihre Initiative hin und zugleich vollkommen freiwillig zum Trottel degeneriert. Und es gereicht ihr am Ende zum Vorteil und ihm zum Nachteil. Eigentlich wollte er nur den Macho-Pascha geben und hat dabei jede Lebensfähigkeit eingebüßt. Er ist nicht minder selbstständig als das Hündchen, das zuhause bei ihnen wartet und das ich mir lebhaft vorstellen kann. Es gibt nur einen Unterschied: Er darf plappern, auch wenn sie ihm schon seit zwanzig Jahren nicht mehr zuhört. Er darf ein Trottel sein, den ohne ihre Hilfe der Diabetes, der Bluthochdruck, die Prostata oder auch die Leber längst dahingerafft und was mir sieben Minuten Stammtischparolen erspart hätte.
Dann schaute ich mir die Frau an und dachte nach. Während er den rustikalen Rentner mit metabolischem Syndrom gab, mimte sie die rüstige Rentnerdame mit unzureichend Patte für die wirklich glamoröse Erscheinung. Leicht von ihm weggedreht aber immer noch mit Körperkontakt, die aufgrund seiner Fülle ohnehin schwer vermeidbar war, saß sie da und schwieg. Sie schaute ein wenig pikiert drein, aber diese Mimik schien sich schon in ihre Falten eingebrannt zu haben. Eine enge Beziehung zu ihrem mäkelnden Mann mit all seinen Aufregertiraden schien nicht zu bestehen.
Da wurde mir klar: Sie will ihn so. Oder wenigstens wollte sie ihn so. Sie hat ihn dazu gemacht und er hat sich dazu gemacht und machen lassen. Ich bin sicher, er hat nicht mal seinen Anorak ohne ihre Beratung gekauft. Sie wird ihm die Unterbundhosen ausgesucht haben und ihm sagen, wann er das nächste Mal zum Urologen muss. Vielleicht wird sie sogar mit ihn den Besprechungsraum gehen und dem Arzt die Schmerzen des Mannes beim Harnlassen plastisch zu erklären versuchen. Sie kocht für ihn die sonntägliche Schweinshaxe, sie bügelt seine immensen Hemden und wischt bei der Sportschau um ihn herum. Sie wird das für ihr gottgegebenes Leid halten, aber eigentlich ist sie selbst dran schuld. Denn ihr Mann ist auf ihre Initiative hin und zugleich vollkommen freiwillig zum Trottel degeneriert. Und es gereicht ihr am Ende zum Vorteil und ihm zum Nachteil. Eigentlich wollte er nur den Macho-Pascha geben und hat dabei jede Lebensfähigkeit eingebüßt. Er ist nicht minder selbstständig als das Hündchen, das zuhause bei ihnen wartet und das ich mir lebhaft vorstellen kann. Es gibt nur einen Unterschied: Er darf plappern, auch wenn sie ihm schon seit zwanzig Jahren nicht mehr zuhört. Er darf ein Trottel sein, den ohne ihre Hilfe der Diabetes, der Bluthochdruck, die Prostata oder auch die Leber längst dahingerafft und was mir sieben Minuten Stammtischparolen erspart hätte.
Bandini - 6. Feb, 07:34
herr-schmidt meinte am 6. Feb, 09:40:
Was für ein Glück, dass es die Emanzipation gibt. Offensichtlich profitieren nicht nur die Frauen davon.Eine schreckliche Vorstellung, einmal so zu enden, wie dieser Mann...
Bandini antwortete am 6. Feb, 10:42:
Das denke ich auch manchmal. Gibt man ja ungerne zu, so als echter Kerl. Aber Hausarbeit macht einen unabhängig und verdummt nicht so wie Fernsehngucken. Autowaschen scheint nicht auszureichen.
flyhigher meinte am 6. Feb, 09:40:
Hervorragend beobachtet.
Bandini antwortete am 6. Feb, 10:43:
Danke
frl eichhorn meinte am 6. Feb, 10:23:
Versteckte Qualitäten, würde ich sagen. Wahrscheinlich ist er handwerklich extrem begabt. Oder so.
Bandini antwortete am 6. Feb, 10:41:
Ach, versteckte Qualitäten haben wir ja alle. Und zugleich führen wir die alle gerne auf, um unser makelhaftes Ich etwas luzider erscheinen zu lassen. Aber das wiegt Qualen kaum auf.
pathologe meinte am 6. Feb, 11:10:
Sind
das nicht auch die Paare, die sich in aller Öffentlichkeit gegenseitig immer wieder einschenken? Und bei denen man sich fragt, wann sie als Titelstory in ener sehr dünnen, dafür aber bild-gewaltigen Tageszeitung auftauchen? Als "Familiendrama"?Ich glaube, die saßen auch in meiner S6...
Bandini antwortete am 6. Feb, 11:18:
Aber nein. Zumindest nicht in der Version beide schenken einander ein. Die Version Frau-schenkt-ein hingegen ist inkludiert und meiner Beobachtung zufolge sogar vorherrschend. Solange der Mann sich noch wehrt, ist er noch kein Trottel. Erst wenn er die Waffen streckt, ist es soweit. Umgekehrt kenne ich das Phänomen übrigens nicht. Die Trottel sind immer die Männer.
flyhigher antwortete am 6. Feb, 11:21:
das umgekehrte Phänomen kennst du nur deswegen nicht, weil Männer perfider vorgehen. Wenn die Frau derart unterbuttert ist, dann darf sie das Haus nicht verlassen, weder mit, noch ohne Ehemann, außer kurz zum Einkaufen. Daher erlebst du diese Konstellation in der Öffentlichkeit nicht. Geben tut es sie schon.
Bandini antwortete am 6. Feb, 11:24:
Das gibt es, gehört aber nicht zu den Trotteln. Das ist pure, ekelhafte Unterdrückung. Die Trottel begeben sich freiwillig in die Situation, sogar bis zum Schluss im festen Glauben (zum Teil), der Mann im Haus zu sein. Ihre fehlende Aktivität und ihr falsches Rollenbild machen sie zu Trotteln, nicht ihre Schwäche.
flyhigher antwortete am 6. Feb, 11:29:
wo du recht hast....
schlepp meinte am 6. Feb, 20:44:
Kennich!
Bandini antwortete am 6. Feb, 22:44:
Wenigstens ein qualifizierter Kommentar, mit eigenen Erfahrungen:-)
schlepp antwortete am 7. Feb, 20:27:
Gärnää *flöt*
menschenleer meinte am 7. Feb, 16:08:
Hmmmm
Das ist ein sehr schöner sozialpraktisch-philosophischer Kurztext, dem ich nur zustimmen kann. Werde mir erlauben, darauf zu verweisen.
Bandini antwortete am 7. Feb, 16:25:
Danke schön und bitte sehr. Ich fühle mich geschmeichelt.
schimmerschnecke meinte am 8. Feb, 21:48:
Man nennt dies Liebe.
Bandini antwortete am 9. Feb, 00:20:
Das ist eine komische Art von Liebe. Für mich.